PRÄHABILITATION

GUT GESTÄRKT IN DIE OP

Was wäre die Medizin ohne Grundlagenerkenntnisse, wissenschaftliches Interesse, Mut zur Veränderung, neue Technologien und den berühmten Blick über den Tellerrand? In dieser Hinsicht liegt ein relativ neuer medizinischer Fokus genau richtig. Es handelt sich dabei um das spannende Thema „Prähabilitation“.

Was dürfen wir uns darunter vorstellen? Vom Wortsinn allein lässt sich schon eine Menge ableiten. Prähabilitation ist eine Wortschöpfung aus „prä“ (vor) und „Rehabilitation“ (Wiederherstellung). Sie umfasst ein breites  Maßnahmenkonzept, beginnend mit einem systematischen Testverfahren, dem Patienten-Screening, möglichst frühzeitig vor einem geplanten, schweren medizinischen Eingriff. Längst ist bekannt, dass Patienten schwere operative Eingriffe ausgesprochen unterschiedlich körperlich verkraften und geistig verarbeiten.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund den Allgemeinzustand des Patienten vor der Operation (OP), fallen (neben anderen) nicht selten deutliche Zusammenhänge z. B. zu veränderten Blutwerten wie speziellen Eiweißkomponenten, dem Körpergewicht und seinem Verlauf, allgemeiner Muskelschwäche oder einer reduzierten Belastbarkeit auf. Der Start in eine OP in schlechter Konstitution erhöht also offensichtlich die Gefahr für einen deutlich schlechteren Heilungs- und Verarbeitungsprozess. Wäre es deshalb nicht wünschenswert, durch frühzeitige, indikationsgerechte Maßnahmen die Belastung einer notwendigen medizinischen Intervention so gering wie möglich zu halten?

Genau hier möchte die Prähabilitation ansetzen. Mit einer guten Vorbereitung auf eine große Operation steigen nachweisbar die Chancen, mit den Strapazen des Eingriffs besser zurechtzukommen und ihn schnell zu überstehen1.  Immerhin findet sich gerade bei Tumorpatienten oft schon beim Erstgespräch ein Hinweis auf einen ausgeprägten Gewichtsverlust, häufig einhergehend mit einem quantitativen oder auch qualitativen Nährstoffmangel2. Eine logische Konsequenz daraus ist der Verlust von Kraft und Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig wartet eine kräftezehrende OP, vielleicht mit Beatmung, auf den Patienten.

Vorbereitung in Eigenregie

Gezielte Ernährungstherapie, moderate Kraftübungen und Atemtraining könnten hier z. B. eine optimale Vorbereitung auf den geplanten Eingriff sein. Ist denn vor der OP überhaupt noch genügend Zeit dafür? Oder wäre alternativ eine Terminverschiebung zur professionellen Vorbereitung denkbar? Auch hier gibt es bereits eindeutige Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit. Die Wartezeit zur OP prärehabilitativ zu nutzen, ist entscheidend, um die Ergebnisse und  gerade die Lebensqualität der Betroffenen spürbar zu verbessern. Selbst zugunsten der Prähabilitation verschobene Operationstermine können mit einer besseren Patientenperformance im Anschluss überzeugen3

Keine Angst, parallel zur Rehabilitation steht auch in diesem Feld der Medizin keine Überforderung der Betroffenen zu befürchten. Kraftübungen bedeuten nicht unmittelbar Fitnessstudio. Ernährungsumstellungen können z. B. durch schmackhafte Spezial-Drinks erreicht werden, und auch ein schneller Spaziergang darf als Atemtraining gewertet werden. Die Regelmäßigkeit hat entscheidenden Wert, nicht nur für den medizinischen Effekt. Die Patienten selbst profitieren  besonders davon, mit diesem Konzept eigeninitiativ die Phase vor der OP beeinflussen zu können. „Ich habe es selbst in der Hand“, wird oft zum Leitgedanken der Selbstmotivation. Doch gerade auch die gemeinsame interdisziplinäre Abstimmung der Maßnahmen zwischen Patienten, Ärzten und Therapeuten stellt eine medizinisch sinnvolle und wichtige vertrauensbildende Handlungsweise dar.

Abschließend kann man sagen: Trotz ausgedehnter medizinischer Eingriffe gibt es heute durch die Maßnahmen der Prähabilitation eine zuversichtliche Chance auf spürbaren Erfolg – die Patienten verlassen im Anschluss durchaus schneller das Krankenhaus.4 Wie ist aber die Umsetzung in die Praxis realistisch zu beurteilen?

Dazu sprach SCHON GEHÖRT? mit Dr. med. Markus Blaurock, HNO-Oberarzt mit Schwerpunkt Tumorerkrankungen an der Universitätsmedizin Greifswald. Das Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe der SCHON GEHÖRT? 

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Quellen:

1 Weisenburger L: Prähabilitation: Fit für die OP2022. Apotheken Umschau 2022, 01
2 Frank F, Kim M et al.: Outcome von Krebsoperationen: Prähabilitation ist so bedeutsam wie Rehabilitation. Deutsches Ärzteblatt 2022, Heft 37
3 Strous MTA, Janssen-Heijnen MLG, Vogelaar FJ: Impact of therapeutic delay in colorectal cancer on overall survival and cancer recurrence – is there a safe timeframe for prehabilitation? Eur J Surg Oncol 2019; 45 (12): 2295–301.