Wenn Therapie zur Herzenssache wird

Ein Interview mit Hans Schwegler

Hans Schwegler zählt zu den profiliertesten Logopäden der Schweiz. Seit über drei Jahrzehnten prägt er die logopädische Versorgung von Patient*innen mit komplexen medizinischen Bedürfnissen, insbesondere in den Bereichen Dysphagie, Tracheotomie und Beatmung.

Sein beruflicher Weg begann als Primarlehrer, bevor er sich für ein Logopädiestudium in Zürich entschied. Nach ersten Stationen in der Phoniatrie des Kantonsspitals Luzern wechselte er 1995 zuerst teilzeitlich ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil, wo er seither mit großem Einsatz die logopädische Abteilung aufgebaut und weiterentwickelt hat. Dort arbeitet er vor allem mit tracheotomierten und beatmeten Patient*innen – ein Bereich, in dem er durch seine intensive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Möglichkeiten der Therapie neue Standards gesetzt hat.

Durch seine praxisnahe Forschung, seine Publikationen – darunter das vielbeachtete Fachbuch „Trachealkanülen-Management – In sicheren Schritten Richtung Dekanülierung“ – sowie seine umfangreiche Lehrtätigkeit, hat Hans Schwegler die logopädische Fachwelt nachhaltig beeinflusst. Sein Name steht für eine patientenzentrierte, multiprofessionelle und evidenzbasierte Herangehensweise, die weit über die Grenzen der Schweiz hinaus Anerkennung findet. Ende 2025 verabschiedet sich Hans Schwegler offiziell aus dem klinischen Alltag – eine Art Ruhestand, der jedoch nicht das Ende seines Engagements bedeutet. Er wird weiterhin Vorträge halten, Kurse und Seminare und Supervisionen anbieten und als Ratgeber zur Seite stehen.

Hände formen ein Herz, im Hintergrund ein weißer Arztkittel

 

Im Interview sprechen die Logopädinnen Annette Hamann (Deutschland) und Iris Geiseder (Österreich) von FAHL mit ihm über seine langjährige Arbeit, die Herausforderungen, nicht nur der logopädischen Therapie sowie über das Trachealkanülenmanagement (TKM). Es wurde ein Gedankenaustausch unter Kolleg*innen, die viele Gemeinsamkeiten fanden, obwohl sie in unterschiedlichen Ländern arbeiten.

Wie kam es dazu, dass Sie diesen Beruf ergriffen haben, und wann/wodurch wurde die Spezialisierung zur Berufung?
Hans Schwegler: Ich bin von Haus aus Grundschullehrer und kam über Kontakte an der Schule mit der Logopädie in Berührung. Das hat mich fasziniert und ich habe mich zu einem Studium der Logopädie entschlossen. Kurz vor Ende des Studiums habe ich in einem Praktikum die Arbeit mit Erwachsenen Stimmpatient*innen kennengelernt. Deshalb habe ich mich in der Phoniatrie des Kantonsspitals Luzern auf eine Stelle beworben. Von 1990-1997 habe ich auf der Phoniatrie mit Stimmpatient*innen und auch Laryngektomierten gearbeitet. Über einen HNO-Arzt, der in Nottwil im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) für die HNO-Konsilien zuständig war, kam der Kontakt ins SPZ zustande. Weil er dort immer wieder Patient*innen antraf, die logopädische Therapien benötigten, war ich ab Januar 1995 vorerst einmal pro Woche im SPZ und kam neben Dysphonien und Dysarthrien, die mir schon bekannt waren, auch in Kontakt mit Dysphagien, oft auch im Zusammenhang mit Trachealkanülen. Besonders zur Thematik der Trachealkanülen gab es damals kaum Fortbildungen, so musste ich ganz viel mit den Betroffenen zusammen lernen, leider auch aus Fehlern.  Ab 2000 hatte ich im SPZ so viele Patient*innen, dass aus einer Teilzeit- eine Vollzeitstelle wurde. Es kam also eines zum anderen, und so habe ich mich tief ins Thema Trachealkanülen - mit der Zeit auch im Zusammenhang mit Beatmung -   eingearbeitet.

Ich liebte diese Herausforderungen und lernte gerne Neues dazu, bis heute. Ich fand diesen Bereich sehr spannend und abwechslungsreich. Es gab und gibt so viel zu optimieren und zu verbessern für die Patient*innen. So wurde aus einem Beruf meine Berufung. Das Schicksal hätte es mit mir nicht besser meinen können.

Nicht zuletzt durch Ihr Buch und die vielen Vorträge zum Thema TKM, ist Ihr Name eng damit verbunden. Was fasziniert Sie so daran?
Hans Schwegler: Die große Bandbreite an Veränderungsmöglichkeiten und Verbesserungschancen. Außerdem ist man nah an den Grundbedürfnissen der Menschen: Kommunikation, Schlucken, Atmen, Ernährung. Das sind essenzielle menschliche Grundbedürfnisse, dadurch wurde meine Arbeit sehr konkret mit direkt spürbaren Auswirkungen. In diesen Bereichen konnte ich mit den Patient*innen so viele erfreuliche Fortschritte erzielen, dass ich das Gefühl hatte, ich bekomme mindestens so viel zurück, wie ich in die Therapie investiert habe. Wenn man miterleben darf, welche Freude es auslösen kann, ein bisschen Wasser zu schlucken, oder unter Beatmung mit den Angehörigen telefonieren zu können, sind das wunderbare Momente und für mich der größte „Lohn“.  Ich bekam so viel zurück von den Patient*innen, dafür bin ich sehr dankbar. Oft höre ich noch Jahre später von Patient*innen: „Weißt du noch, das Sorbet ganz am Anfang – das war so gut!“. Dinge, die gesunde Menschen als selbstverständlich annehmen, bekommen durch die Umstände eine besondere Bedeutung. Sie werden wertvoller.

Welcher Fall/Patient*in ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben und Warum?
Hans Schwegler: Besonders stark erinnere ich mich immer noch an einen ALS-Patienten. Er saß im Elektro-Rollstuhl, und war tetraplegisch. Wegen respiratorischen Problemen wurde er tracheotomiert und beatmet und verlor dadurch seine Sprechmöglichkeit, die eigentlich noch intakt gewesen wäre. Da damals in seinem Umfeld niemand wusste, dass Sprechen unter Beatmung möglich ist, musste er zwei Jahre auf seine Stimme verzichten. Er fand dann den Weg zu uns ins SPZ und am 2. Tag nach der Einweisung konnte er wieder sprechen. Das Glück und seine Dankbarkeit, die er dabei empfand, bleiben für mich unvergesslich.

Hans Schwegler hält einen Vortrag beim TracheoTalk 2026

Hans Schwegler hält einen Vortrag beim TracheoTalk 2026 in Wien

 

Ein anderer Patient mit Muskeldystrophie, der 10 Jahre über eine NIV-Full-Face-Maske beatmet werden musste, kam zu uns, nachdem er wegen einer starken Pneumonie, tracheotomiert und ab da invasiv beatmet werden musste. Ihm wurde auch gesagt, er könne aufgrund der Beatmung nicht mehr sprechen. Auf unserer Station hat es schnell wieder funktioniert. Er hat daraufhin die vorherige Intensivstation angerufen und gesagt, er sei jetzt derjenige, der nie mehr sprechen könne. Er besucht uns immer mal wieder und dann erzählt er seine Geschichte mit so viel Charme, dass es mich jedes Mal wieder berührt.

Es ist nicht so, dass ich bei diesen Fällen „gezaubert“ hätte. Die Erfolge hätten andere mit dem gleichen Wissen auch geschafft. Aber es mangelte eben genau an diesem Wissen. Das motivierte mich, mein Buch zu schreiben. Ich wollte es anderen Therapeut*innen einfacher machen und mein erworbenes Wissen und die Erfahrungen teilen. Durch das Buch konnte ich meine Erfahrungen verbreiten und hoffentlich eine Weiterentwicklung herbeiführen.  Selbst intern in unserer Klinik bekamen die Methoden nach dem Erscheinen des Buches eine andere Gewichtung und wurden ernster genommen. Es ist seitdem mein Wunsch, das Wissen zu verbreiten, auch über meine Kurse, damit möglichst viele Patient*innen davon profitieren können.

Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie in der (logopädischen) Arbeit mit tracheotomierten Patient*innen und wie kann man diesen entgegensteuern?
Hans Schwegler: Ich glaube, mittlerweile ist es tatsächlich ein Problem, dass das Wissen, das mittlerweile im TKM vorhanden ist, bei den Entscheidungsträger*innen und allgemein den Berufsgruppen, die sich damit beschäftigen, noch nicht angekommen ist bzw. umgesetzt wird. Deshalb wird die Verbreitung des Wissens und Schulungen der entsprechenden Berufsgruppen eine der großen Herausforderungen bleiben. Das geht selbstverständlich über Akut- und Rehakliniken hinaus, auch in anschließenden Institutionen wie Pflegeheimen, Beatmungs-WGs oder in spitalexternen Diensten (bei uns in der Schweiz die „Spitex“) muss die Versorgung verbessert werden. Da stehen auch wir als Logopäd*innen in der Pflicht. Beim Thema Tracheotomie und TKM sehe ich leider immer noch große Unsicherheiten. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an den Fall eines jugendlichen Patienten in der außerklinischen Pflege, der mit einer kleinen Kanüle ohne Cuff versorgt war und BIPaP-beatmet wurde. Obwohl die Tracheotomie schon Jahre zurücklag, war weder die Kanüle noch die Beatmung jemals angepasst worden. Dabei ist der Patient ja zwischenzeitlich gewachsen und die anatomischen Verhältnisse hatten sich geändert. Hinter solchen Fällen steckt aus meiner Erfahrung vor allem Unwissen.

Iris Geiseder: Ich erlebe oft, dass TKM häufig als Zustand empfunden wird. Tatsächlich ist es aber ein Prozess, etwas das immer wieder überprüft und angepasst werden muss. Das scheinen manche Akteure zu übersehen. Ich persönlich finde genau das so spannend an dem Thema.

Hans Schwegler: Du sprichst mir aus dem Herzen! Selbst Jahre nach der Tracheotomie gibt es noch Themen, die behandelt werden müssen. Man wird sozusagen nie fertig. Deshalb ist es auch so wichtig, dass es genug Personal gibt, das sich auskennt.

Trachealkanüle mit subglottischem Absaugschlauch in türkisem Rahmen

SPIRAFLEX® UNI CUFF SUCTION

Thema Trachealkanüle: Gibt es Funktionen einer Kanüle, die Sie besonders gut finden?
Hans Schwegler: Ich finde Multifunktionskanülen mit subglottischer Absaugleitung vor allem für beatmete Patienten mit schweren Schluckstörungen hilfreich. Über diesen zusätzlichen Kanal kann Sekret schonend, ohne zu entblocken, abgesaugt oder, mittels einblasen von Luft in den Pharynx- und Mundbereich, hochmobilisiert werden. Außerdem kann die subglottische Absaugleitung auch genutzt werden, um mit der sogenannten Above Cuff Vocalisation (ACV) das Sprechen zu ermöglichen. Die Luftzufuhr ist darüber hinaus auch für das Schlucken besonders wichtig.

Kanülen mit Phonationsöffnungen hingegen sollten meiner Meinung nach äußerst zurückhaltend eingesetzt werden. Die Öffnungen liegen meistens an der falschen Stelle im Tracheostomakanal. Wenn solche Kanülen eingesetzt werden, müsste auch der Sitz der Phonationsöffnungen konsequent endoskopisch kontrolliert werden. Sehr oft liegen diese nicht nur falsch im Tracheostomakanal, und können damit ihre Funktion gar nicht erfüllen, sie verursachen darüber hinaus auch Komplikationen wie Granulationsgewebe, Blutungen oder Schmerzen. Weiterhin werden aus meiner Sicht noch zu oft zu große Kanülen eingesetzt. Ich bevorzuge, wo möglich, ein Downsizing, um den physiologischen Luftstrom neben der entblockten Kanüle einrichten zu können.

 

Eine weitere große Bitte an alle, die Tracheostomata anlegen, wäre aus therapeutischer Sicht die Anlage von dilatativen statt chirurgischen Stomata. Dilatative dichten bei Umlenkung der Luft mittels Sprechventilen oder später Verschlusskappen viel besser ab. Der große Luftverlust bei den (oft zu großen) chirurgischen Stomata ist für die Betroffenen im weiteren Verlauf des TKMs oft desaströs, weil Funktionen wie Phonation, Husten und Schlucksicherheit darunter extrem leiden.

Annette Hamann: es gibt in Deutschland und in Österreich immer noch die Empfehlung, bei der Entlassung in die Außerklinik sollten die Patienten ein chirurgisches Stoma bekommen.

Hans Schwegler: Da sollten wir unbedingt entgegenhalten. Ein Kanülenwechsel kann auch problemlos bei dilatativem Stoma durchgeführt werden. Zudem werden auch dilatativ angelegte Stomata mit der Zeit stabiler.

Annette Hamann: ist die Granulationsgefahr bei dilatativen Stoma größer?

Hans Schwegler: Leider ja. Aber man muss es mit den Nachteilen abwägen. Der Luftverlust ist einfach das größere Problem.

Thema Dekanülierung: Welche Schritte im Dekanülierungsmanagement halten Sie als unabdingbar?
Hans Schwegler: Dekanülierungsmanagement kann aus meiner Sicht nicht vom TKM abgetrennt werden. Die Dekanülierung beginnt gleich am Anfang mit der Tracheotomie. Denn der Umgang mit der Kanüle beeinflusst von Beginn an den weiteren Verlauf des TKM und damit auch die Möglichkeit, oder den Zeitpunkt, der Dekanülierung1.

Die Neuüberarbeitung meines Buches ist eben abgeschlossen. Durch meine neuen Co-Autor*innen Sarah Stierli und Stephan Mayer sind wesentliche Erweiterungen entstanden. Zum einen sind neu Schulungsfilme dazugekommen, die über einen QR-Code abgerufen werden können. Zum andern ist eines der Hauptkapitel, das TKM bei invasiver Beatmung, komplett neu geschrieben worden.  Auch ich selbst lerne natürlich immer wieder dazu. In jüngerer Zeit ist mir bewusster geworden, dass es nach der Dekanülierung noch einen weiteren Schritt braucht – die Nachsorge. Der Erfolg einer Dekanülierung ist zum Zeitpunkt der Entfernung noch nicht abschließend geklärt. Der Erfolg – oder eben Misserfolg - zeigt sich erst im mittelfristigen weiteren Verlauf. War die Dekanülierung erfolgreich, wenn ein Patient/ eine Patientin drei Wochen nach Dekanülierung aufgrund eingeschränkter Hustenfähigkeit mit pulmonalen Komplikationen wieder intubiert werden muss? Oder waren da allenfalls die Dekanülierungskriterien gar nicht erfüllt? Die Nachsorge, gerade bei einer weiterhin eingeschränkten Hustenfähigkeit, ist essenziell wichtig. Überhaupt sollte die Hustenfähigkeit, und der produktive Husten, innerhalb des Sekretmanagements und im gesamten Prozesse der Dekanülierung viel stärker berücksichtigt werden.

Wir arbeiten gerade an einer Studie mit 150 Patient*innen, die die Verläufe bis 3 Monate nach der Dekanülierung festhält, um herauszufinden, ob die Dekanülierungskriterien noch weiter verbessert werden können.

Was möchten Sie jungen / angehenden Therapeut*innen mit auf den Weg geben?
Hans Schwegler: Das Berufsfeld ist sehr groß und die Möglichkeiten riesig. Die Begegnungen mit Menschen sind großartig und geben der Arbeit einen tiefen Sinn, die einem ganz viel zurückgeben können.

Wie würden Patient*innen in Ihrer Wunschvorstellung versorgt?
Hans Schwegler: Zunächst mal ist meine Idealvorstellung, dass alle Patient*innen empathisch begleitet werden – so wie wir es uns vermutlich auch wünschen würden, wenn wir selber betroffen wären. Darüber hinaus wäre es am schönsten, wenn sie im gesamten Verlauf und in Kontakt mit einem möglichst konstanten multiprofessionellen Team bleiben könnten, um Brüche in der Betreuung möglichst zu vermeiden.

Vielleicht kann ich künftig nach meiner ganz aktiven Zeit in der Klinik mit meinen Kursen und Beratungen dazu beitragen, um die Betreuung der tracheotomierten Patient*innen noch weiter zu verbessern. Das wäre wunderbar.

 

Wir danken Herrn Schwegler für das Gespräch!

Hans Schwegler Porträt

Hans Schwegler

Annette Hamann Portrait

Annette Hamann

Iris Geiseder Portrait

Iris Geiseder

 


Quellen:
1Algorithmus der TKM, letzte Umschlagseite innen. In „Trachealkanülen-Management – In sicheren Schritten Richtung Dekanülierung“. 5. Auflage, Nov 2025

Bilder:
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