Von der Wurzel bis zum Kraut
Unkraut vergeht nicht!
Wer kennt ihn eigentlich nicht, den pragmatischen Trost für eine kleine Verletzung oder Verzagtheit im Alltag? Nicht selten schlägt uns in solchem Fall lehrmeisterlich und fast hämisch vom Gegenüber entgegen: Stell dich nicht so an, Unkraut vergeht nicht!
Ein Blick hinter die Kulissen lohnt. Denn, wie kann man den wahrhaft Leidenden mit schnödem Unkraut vergleichen? Und wenn es besagtes Unkraut gibt, warum vergeht es nicht? Mag ein Unkraut gar ein wildes Kraut sein, dem offensichtlich seit langem nicht nur Wildheit, sondern auch besondere Stärke zugeschrieben wird? Unser Interesse ist geweckt. Wir möchten unbedingt mehr erfahren über die außergewöhnliche Welt der Kräuter. In Jürgen Recktenwald haben wir einen ausgewiesenen Experten gefunden, der als Naturlehrer seit 35 Jahren Erfahrungen mit den geheimnisvollen Wildkräutern sammelt. Der „Jäger und Sammler“ liegt ihm dabei im Blut. Wir dürfen gespannt sein!
Was können wir uns unter einem Naturlehrer vorstellen?
Jürgen Recktenwald: Das ist jemand, der sein Wissen von der Natur lernt und dieses Wissen weitergibt. Er bildet Menschen zu Kräuterfrauen und -männern aus, mit der Vision sich ganzjährig gesund aus der Natur ernähren zu können.
Gibt es dazu eine spezielle Ausbildung?
Jürgen Recktenwald: Nein. Das Interesse an der Natur reicht aus. Leider sind diese Titel auch nicht geschützt, aber haben sich mittlerweile etabliert. Wichtig ist es, den Erfahrungsschatz des Lehrers zu berücksichtigen. Nur so kann das wichtige ,,Was wächst wann und wo?" korrekt beurteilt werden.
Wann haben Sie die Kräuterlehre zu Ihrem Beruf gemacht?
Jürgen Recktenwald: Schon als Kind habe ich mich für die Natur interessiert und zunächst Berufe im Bereich Nahrung und Natur ergriffen, doch in den 80er-Jahren wurde das Thema für mich zur Berufung. 2003 war ich der erste Naturlehrer in Deutschland.
Wie reagierten Ihre Familie und Freunde damals?
Jürgen Recktenwald: Tatsächlich mit positiver Neugierde.
Was ist überhaupt das Besondere an Wild- und Heilkräutern?
Jürgen Recktenwald: Sie liefern uns bestimmte Nährstoffe und Enzyme, die sich kraftfördernd und stärkend auf uns auswirken. Sie können als wertvolle Nahrung oder spezielles Heilmittel dienen, und sind tatsächlich in unserer einheimischen Natur immer da, wenn wir gut mit der Erde umgehen. Kostenlos wachsen Sie einfach nach und bleiben trotzdem oft unbeachtet. Stattdessen sehen wir aktuell in den Geschäften Endlosregale mit verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln, Mineralstoffen o. ä. – nicht selten hochpreisig ausgezeichnet, nach dem Motto: Viel hilft viel. Bei den Wildkräutern gilt da eher die Devise: Weniger ist mehr!
Kann man sich von Wildkräutern vollständig ernähren?
Jürgen Recktenwald: Seit 1988 zählen sie neben Früchten, Blumen, Samen und Quellwasser zu meiner Hauptnahrung. Sie haben für mich zu einem tiefen Verständnis der Natur und ihrer Zusammenhänge sowie der Schöpfung geführt, und damit fühle ich mich wohl. Von ihrer Wirkung kann man aber auch schon in Ergänzung zur Normalkost profitieren. Sie sind also alles andere als „Unkraut“.
Sie ernähren sich vorwiegend aus der Natur in ihrer direkten Umgebung, sozusagen „von der Hand in den Mund“. Spielt der Gedanke an Umweltbelastungen dabei eine Rolle?
Jürgen Recktenwald: Meine Erfahrungen zeigen, dass Kräuter einen Selbstreinigungseffekt haben, der auch unserem menschlichen Organismus zugutekommt. Zunächst ist es wichtig, beim Sammeln der Kräuter darauf zu achten, ob sie zum Verzehr geeignet sind. Ich habe gelernt, dass über die vielen verschiedenen Grüntöne den Kräutern anzusehen ist, wie krankmachend oder gesund sie für uns sind. So lehre ich es auch in meinen Kursen.
Mit welcher Intention kommen die Teilnehmer in Ihre Kurse?
Jürgen Recktenwald: Sie wünschen sich Gesundheit, oder haben einfach Interesse an der Natur. Selbst ein 6-Jähriger war schon eifrig dabei. Aber erst lange Erfahrung ermächtigt zur spezifischen Kräuterempfehlung. Allein die Tatsache, dass es jahreszeitenspezifische Stellen und Gebiete zum Sammeln gibt, veranschaulicht das. Außerdem kann man auch durchaus Dinge falsch machen, z. B. die Kräuter verwechseln. Das Beispiel Bärlauch und Maiglöckchen ist sicher bekannt. Beim Sammeln ist aber auch entscheidend, ob der oberirdische Anteil, also das Kraut oder aber der unterirdische Anteil, die Wurzel verwendet wird.
Welche Rolle spielt der Genuss in Ihrem Leben?
Jürgen Recktenwald: Genuss ist für mich die Medizin der Seele. „Wer nicht genießt, wird ungenießbar“. Das heißt aber nicht, dass wir ohne Reue alles essen können. Wir kompensieren im Alltag vieles mit Essen. Nicht immer tun wir uns damit etwas Gutes. Mit dem Genuss passender Kräuter stellt sich aber nach meiner Erfahrung schnell wieder ein Wohlbefinden ein.
Möchten Sie unseren Lesern einen alltagstauglichen Tipp geben?
Jürgen Recktenwald: Genussvoll genießen, und möglichst danach für einen gesunden Ausgleich sorgen. Wildkräuter als Smoothie oder Tee anzuwenden ist eine gesunde und trotzdem einfache Option (Rezeptvorschlag auf Seite 26 in der "SCHON GEHÖRT" Ausgabe 01/2026). Man kann die Kräuter mit allen Lebensmitteln mischen. Selbst die Gourmetküche hat den besonderen Geschmack und die Wirkung mittlerweile entdeckt. Es braucht aber viel Erfahrung oder Unterstützung, um die Wildkräuter zu (er)kennen und ihre Wirkung korrekt zu nutzen.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie gerne verändern?
Jürgen Recktenwald: Es wäre eine positive Entwicklung, die Schulmedizin mit der Kräuterlehre in Kontakt zu bringen. Auch in Schulen, Universitäten oder pädagogischen Ausbildungsgängen „Natur“ als Hauptfach zu lehren, würde mir gefallen.
Jürgen Recktenwald
Der Naturlehrer bietet mehrfach im Jahr Kräuterwanderungen, -ausbildungen und -kuren in seiner Heimat Baden-Baden (Baden-Württemberg) an. Sie sind sowohl für Interessierte, Fortgeschrittene als auch Hobbygärtner geeignet.
E-Mail: info@naturlehrer.de
Webseite: www.naturlehrer.de
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Dann lesen Sie unsere Zeitschrift "SCHON GEHÖRT?" Downloadlink Magazin 01/2026 Titel "Genuss".
Bilder:
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Portrait: privat Jürgen Recktenwald


